Bedürfnisse

Zwischen Authentizität und Rücksichtnahme

„Verdammt! Ich will jetzt endlich los!“

Nervös trommelst du mit den Fingern auf dem Tisch. Eigentlich müsstet ihr JETZT los. Doch während deine Nervosität von Minute zu Minute steigt, sitzt dein 5-jähriger seelenruhig auf dem Boden und verschließt gerade zum dritten Mal den Klettverschluss seiner Schuhe. War vorher nämlich noch schief. Und dann:

„Mama, ich glaube, das ist immer noch nicht richtig…“

Die Bedürfnisse des eigenen Kindes achten – was so schön klingt, ist in der Umsetzung gar nicht so einfach. Denn oft genug kollidiert der eigene Wunsch nach Authentizität mit dem Vorhaben, auf die Bedürfnisse des Kindes Rücksicht zu nehmen. Und das verursacht schnell Stress. Stress, der dann dazu führt, dass wir genau das tun, was wir eigentlich nicht wollten: Wir werden laut, wir werden grob, wir schreien, wir haben kein Verständnis. Schuldgefühle, ich komme…

Und jetzt? Wie kommen wir da raus? Lasst uns einen Blick auf die Hintergründe werfen um die Situation besser zu verstehen:

„Bedürfnisorientierung“ (BO) ist in aller Munde – aber was heißt das genau? Die BO Akademie beschreibt die Bedürfnisorientierung als Haltung, in der „davon ausgegangen [wird], dass jeder Mensch lebt, um sich Bedürfnisse zu erfüllen – körperliche und seelische Bedürfnisse. Das bedeutet: ein jedes Verhalten macht Sinn und ist ein Versuch, sich Bedürfnisse zu erfüllen.“ (1). Wichtig für uns ist an dieser Stelle vor allem eines: jeder Mensch hat Bedürfnisse. Das Kind genauso wie die Eltern oder andere Bezugspersonen. Daneben ist die Unterscheidung zwischen Wunsch und Bedürfnis relevant: Im Beispiel hat die Mutter den Wunsch, sofort los zu fahren. Das dahinter liegende Bedürfnis meint allerdings nicht das Gleiche. Vielmehr geht es zum Beispiel um das Bedürfnis nach Pünktlichkeit und der damit verbundenen Sorge über eine abwertende Beurteilung, wenn wir zu spät kommen. 

Halten wir also fest, dass die Mutter in unserem Beispiel möchte gern pünktlich sein. Ihrem Kind ist das wahrscheinlich egal. Unsere Bedürfnisse unterscheiden sich also. Das allein kann schon Stress verursachen, denn schon jetzt müssen wir uns in Verständnis, Kooperation und Lösungsfindung üben – alles Eigenschaften, bei denen 5-jährige noch ganz am Anfang ihrer Entwicklung stehen. Und! die auch manchen Eltern noch schwerfallen, da sie vielleicht nie gelernt haben, wie gute, für alle annehmbare Kompromisse geschmiedet werden können.

Haben wir für uns verinnerlicht, dass wir auf die Bedürfnisse unseres Kindes Rücksicht nehmen wollen, kommt nun noch eine weitere Komponente hinzu. Innerlich fühlen wir Ungeduld, Nervosität, Ärger. Äußerlich bleiben wir ruhig – denn wir wollen unser Kind ja in seinen Bedürfnissen begleiten. Oder?! Ist es nicht auch wichtig, dem Kind meine Grenzen aufzuzeigen? Muss ich nicht meine Gefühle äußern können und authentisch sein? Ist es wirklich so wichtig, die Klettverschlüsse jetzt ein weiteres Mal zu richten?!

Willkommen in der kognitive Dissonanz – wo gezeigte Handlungen und innere Gefühle im Klinsch liegen. Auch das ein großer Stressfaktor. Denn jetzt gibt es nicht nur Reibung zwischen den vordergründigen Bedürfnissen von Kind und Elternteil – sondern auch zwischen den eigenen inneren Bedürfnissen, Wünschen und Glaubenssätzen. Ein Minenfeld.

Der Ausweg? Ist nicht leicht. Denn die Antwort heißt immer „Reflexion“. Wir können ordnen:

– Eigene Bedürfnisse (was ist mir wichtig und warum?)

– Bedürfnisse des Kindes (warum muss der Klettverschluss perfekt sitzen? Ein Bedürfnis nach Ordnung? Kann ich dem irgendwie begegnen?) und

– Situation, in der der Stress entsteht (Wie kann ich mehr Ruhe in den Morgen bringen?)

Allein nicht immer einfach. Doch im Austausch mit dem Partner, Freund*innen oder anderen Eltern eine echte Chance auf nachhaltige Veränderung. Und vor allem: mehr Entspannung. Manchmal reicht schon ein intensives Gespräch – und manchmal, gerade wenn die Themen tiefer liegen, auch professionelle Begleitung. In dem Fall bin ich gern für Euch da. Schreibt mir einfach, wir finden einen Weg.

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