Mit Kindern Stauen – warum wir uns sofort besser fühlen
Wir sind im Wald um die Ecke unterwegs, die Kinder stromern über die Lichtung, auf der wir uns gerade befinden. Plötzlich: “Mama! Maaaaaamaaaa! Maaaaaaaaaaaaaaaaaaaamaaaaaaaaaaaaaaaaaa!” Ich sprinte auf dem schnellsten Weg zu meiner Kleinsten – was ist nun schon wieder passiert?!
“Mama! Guck! Meise!” “Oh…wow…” Das Kind hat tatsächlich eine…. Ameise entdeckt. Ja wow… Naja, ein Glück dass doch nichts passiert ist. Denke ich und drehe mich wieder um.
…Stop!
Seien wir kurz ehrlich: Wahrscheinlich hat keine*r von uns die Kapazitäten, sich bei jedem “Mama / Papa, wow, guck!” dazuzusetzen, sich die Zeit zu nehmen gemeinsam mit dem Kind zu stauen und die überwältigende Kraft der Ameise zu diskutieren. Und das ist auch ok so.
Aaaaaaber: Staunen ist etwas, das wir Erwachsene heute viel zu selten praktizieren. Denn Staunen tut uns einfach gut. Kinder staunen an jeder Ecke – aber wir? Fragt euch doch einmal selbst: Wann habt ihr zuletzt wirklich gestaunt und euch diesem Gefühl auch für (sagen wir wenigstens!) eine Minute gewidmet? Ich tippe, es ist leider viel zu lange her.
Doch was ist es, das Staunen so wertvoll macht?
“Staunen” und “Awe”
Beginnen wir mit dem Wort an sich. Wir “staunen” über etwas, wir bewundern es, sind überrascht, vielleicht sogar perplex. Und naja… das trifft das kindliche “Staunen” aus meiner Sicht irgendwie so gar nicht. Die englische Sprache kann in diesem Falle mehr. Und so ist es nicht verwunderlich, dass es das Wort “Awe” in letzter Zeit in den Wortschatz von immer mehr Menschen geschafft hat. Denn
“Awe” meint ein Gefühl überwältigender Bewunderung. Das Gefühl von Respekt, von Ehrfurcht. Ein Staunen, das über den Moment hinaus geht, den ganzen Menschen berührt.
Oder anders: eine “ehrfurchtgebietende Erfahrung” ist schon etwas ganz anderes als: “Da hab ich ganz schön gestaunt!” 😉 Im Gegensatz zum ausschließlich neutral-positiv besetzten “staunen” verfügt das englische “awe” auch über eine einschüchternde Komponente. Denn Dinge, die so viel größer sind als wir selbst, entziehen sich automatisch auch unserer Kontrolle. Und haben damit immer auch eine Spur Angst – oder eben Ehr-Furcht – im Gepäck.
Was Awe so wertvoll macht
Awe gehört aus diesen Gründen zu den intensiven, zu den großen Emotionen, die zu ganz unterschiedlichen Gelegenheiten wie einem Konzert, in der Natur oder bei einer Zeremonie auftreten können. Vielleicht kennt ihr das von euch selbst: der Atem stockt, Gänsehaut überzieht die Arme, die Schritte verlangsamen sich, wir konzentrieren uns stark auf das, was wir sehen und spüren und befinden uns vollkommen im Moment. Ein überwältigende Erfahrung. Für einige von uns manchmal schwer auszuhalten – gerade im Hinblick auf die unterschiedlichen, auch negativen Emotionen, die uns in diesen Momenten überfluten können. Doch wer sich auf dieses Erleben einlässt; unbefangen wahrnimmt, was ist; folgt unbewusst zwei zentralen Aspekten von Achtsamkeit: Präsenz und Akzeptanz.
Präsenz als “Da-Sein”, als Entscheidung, den Moment im Hier und Jetzt vollständig wahrzunehmen – ohne direkt zu (ver)urteilen. Und Akzeptanz für das, was uns gerade widerfährt. Für das, was wir fühlen. Für das, was uns bewegt. Kein Ausweichen. Nur Wahrnehmen.
Staunen im Sinne eine “Awe”-Gefühls kann also eine sehr intensive, achtsame Erfahrung sein – und damit unglaublich wertvoll für die Entwicklung unserer eigenen Selbstwahrnehmung und Selbsterkenntnis. Und darüber hinaus?
Sturm et al. zeigten schon 2020, dass sogenannte “Awe-Walks” unter anderem das tägliche Stressempfinden reduzieren. Ganz konkret: Wer Awe erfährt, lächelt. Lächeln signalisiert unserem Körper wiederum ganz direkt: alles in Ordnung, uns geht es gut! In der Folge kommt es zu einem vermehrten Ausschütten von Glückshormonen – unser Stresserleben nimmt ab. Warum wir lächeln, kann dabei viele Gründe haben. Das Erleben von Schönheit beispielsweise, aber auch das Gefühl der Verbundenheit.
Forscher gehen davon aus, dass uns das Gefühl von Awe vor allem im Großen Ganzen, in Systemen und Zusammenhängen denken lässt. Der Fokus auf das eigene Ich schwindet – unsere Position in den Weiten der Welt wird zurechtgerückt. Das “Small Self”, das “Kleine Selbst”, erkennt, dass es so viele Dinge gibt, die größer sind als das eigene Ich. Wir empfinden Demut – aber eben auch Verbundenheit. Wir wissen, wir sind nicht allein – und können auf diese Weise viel Kraft und Zuversicht aus dem Moment ziehen. So wird auch das Gefühl der sozialen Verbundenheit gesteigert und prosoziales Verhalten gefördert. Auch diese beiden Ergebnisse führen die Wissenschaftler auf die Einordnung der eigenen Person in einen größeren Zusammenhang zurück. Denn nur, wenn wir uns nicht über andere stellen, sind wir in der Lage Mitgefühl zu empfinden und anderen als Ausdruck dessen zu helfen.
Von den Awe-Meistern lernen
Nun ist es ja mit Awe wie mit so vielem: Wir wissen jetzt: “Ah, ok, tut mir gut.” Punkt. Eine – wie auch immer geartete – Umsetzung ist dann allerdings ein ganz anderes Brett. Als Eltern sowieso, denn zwischen Arbeit, Arztterminen und anderen Sorgen bleibt eh kaum Zeit für uns selbst. Lange raus gehen? Machbar, ja, vielleicht… aber schwierig.
Doch wir haben einen unschlagbaren Vorteil: Wir haben Kinder. Und erinnert ihr euch an den Beginn dieses Textes? An die “Meise”? Unsere Kinder sind Awe-Meister. Sie staunen über die kleinsten Dinge – immer und immer wieder. Um davon zu profitieren und mehr Awe in unser Leben zu holen, müssen wir nicht bei jedem “Wow!” mitmachen. Hilfreich ist es schon, einmal am Tag ganz bewusst mitzustaunen. Vielleicht bei der ersten “Wow!” Situation am Nachmittag. Oder dem bewussten Staunen auf dem Nachhauseweg von der Kita. Kleine Momente, in denen wir uns aktiv dazu entschließen uns ausschließlich auf die Ameisenstraße zu konzentrieren. Oder die zarten Blütenblätter des Löwenzahns. Oder die bunten Farben der Blätter. Oder, oder, oder… Unsere Kinder werden uns mit genug Beispielen versorgen. Unsere Aufgabe bleibt es, hinzuschauen, inne zu halten. Schwierig genug. Aber machbar.
