Warum wir als Eltern irgendwann einfach nur noch reagieren statt entscheiden. Die Krux mit dem Funktionsmodus
Der Tag hat gerade begonnen. Du stehst auf, willst die kurzen Minuten ohne Kinder genießen und machst dir erstmal einen Kaffee. Dein Blick schweift durch die Küche, bleibt am Whiteboard hängen. Hier hat es sich die unendlich scheinende Liste an Aufgaben gemütlich gemacht, die das Leben mit mehreren Kindern so sich bringt. Du stutzt. Dieser Zettel da, unter den anderen beiden… Ach du meine Güte!
Das Buffet im Kindergarten! Das ist heute! Und du hast dich allen Ernstes dafür eingetragen einen Kuchen mitzubringen… Oh Mann… Wie soll das denn noch funktionieren? Bis ihr los müsst, sind es grad mal 1,5 Stunden… Und die Kinder müssen ja auch noch fertig gemacht werden!
Du ärgerst dich, gehst im Kopf rasend schnell deine Optionen durch: Backen? Wird nichts. Einfach im Supermarkt kaufen? Was macht das für einen Eindruck?! Beim Bäcker…? Vielleicht geschnitten mit Obst umrandet? Ja, das klingt gut.
Du trinkst einen kurzen Schluck von deinem Kaffee – gedanklich schon ganz woanders – und legst los. Tempo, sonst wird das nichts. Anziehen, wenigstens kurz die Haare kämmen, ins Auto, erst zum Bäcker, dann zum Supermarkt Obst kaufen… nicht dass die Kinder vorher aufwachen…
…
Eine Achterbahnfahrt. Und dabei ganz alltäglich. Wir alle haben schon irgendwelche Termine verpasst, zugesagte Kuchen vergessen, Geburtstage verplant… Denn als Eltern sorgen wir nicht nur für uns selbst. Wir sorgen für unsere Kinder, für ihr soziales Umfeld, für ihren Platz in der Welt, für unsere Arbeit, unsere Partner, unsere Beziehung, unser Bild als Mutter, als Vater… Ein irres Pensum.
Vor diesem Hintergrund ist es so normal wie nachvollziehbar, dass wir alle früher oder später in den Funktionsmodus wechseln. Reduzieren, wo es geht – und das am einfachsten bei uns selbst. Bedürfnisse, Gefühle, Reflexion – anstrengend, also weg damit. Der Autopilot übernimmt, dimmt unsere eigene Gefühlswelt erst einmal herunter und wechselt vom langsamen, reflektierten Denken in bekannte, alte Muster (die wir uns eigentlich versuchen abzugewöhnen). Der Ton wird rauer, das Klima reizbarer. Weil es halt muss. Weil wir es sonst nicht hinbekommen würden. Weil es sonst zu viel wäre.
Wir stellen unsere eigenen Bedürfnisse zurück. Trinken keinen Kaffee, finden nicht zur Ruhe. Wir bleiben auf Spannung, denn Entspannung würde Müdigkeit bedeuten. Und das funktioniert nicht. Zweifel, Sorgen, Wut? Lenken uns ab von dem, was getan werden muss. Und werden deshalb weggedrückt. Später. Vielleicht. Ruhige Gespräche mit Tiefgang? Sind schön – aber jetzt einfach nicht drin.
Für den Moment ist das alles vielleicht nicht schlimm – doch oft bleibt diese eine Situation eben nicht nur die Ausnahme.
Wollen wir das?
Das ist an dieser Stelle keine rhetorische Frage. Denn der Funktionsmodus hat seinen Platz – er hält uns aufrecht, wenn es eng wird. Aber er hat seinen Preis. Und der wird irgendwann zu hoch, wenn aus dem Ausnahmezustand der Normalzustand wird. Wenn wir dauerhaft im Funktionsmodus bleiben. Wenn wir irgendwann einfach keine Ruhe mehr gewohnt sind. Wenn wir uns davor fürchten wieder zu fühlen. Uns zu öffnen – auch für die unangenehmen Emotionen, denen wir so lange Einhalt geboten haben.
So gesehen… Nein, wir wollen das nicht! Denn wir wollen für unsere Kinder, für unsere Partner, für UNS da sein. Nicht nur in Form von Anwesenheit. Sondern emotional. Unsere Lieben, uns SELBST begleiten, halten, stützen. All das funktioniert nicht, wenn wir selbst schon am Rande der Überforderung laufen und unsere eigenen Ressourcen erschöpft sind. Mal ganz abgesehen davon, dass es langfristig keine gute Idee ist, die eigenen Emotionen zu unterdrücken. Du willst das Leben feiern? Abgestumpft wohl kaum möglich.
Und jetzt?
Gibt es die Möglichkeit, den Funktionsmodus zu komplett zu vermeiden – zumal als Eltern? Ganz ehrlich…? Ich glaube nicht. Vor allem dann nicht, wenn unser Leben auch noch mehrere Kinder, berufstätige und / oder sogar pflegende Elternteile, Neurodivergenz in der Familie oder, oder, oder… bereithält. Zwischendurch struggeln wir alle. Das ist normal. Und das ist in Ordnung. In den Funktionsmodus zu wechseln ist in vielen Situationen dann einfach eine gute Idee um die Kontrolle zu behalten. Denn Kontrolle bedeutet Sicherheit.
Und doch: Wie halten wir den Funktionsmodus in Schach? Wie können wir verhindern, dass wir erst abends im Bett bemerken, wie es uns wirklich geht? Wie können wir schon zwischendurch Gelegenheiten schaffen in uns hinein zu spüren und für uns selbst zu sorgen?
Für mich haben sich zwei Dinge immer wieder als sehr hilfreich erwiesen:
Ankerpunkte im Alltag
Im Funktionsmodus befinden wir uns schnell auf einer Autobahn: Aufgaben abarbeiten, immer weiter, weiter. Ankerpunkte fungieren dabei wie Abfahrten – selbst gewählt, bevor die Geschwindigkeit entscheidet, wie und ob wir überhaupt reagieren. Wir werden langsamer, drosseln die Geschwindigkeit, atmen bewusst durch und kommen wieder an. In der Gegenwart. In der momentanen Situation. Welche Ankerpunkte ihr euch dabei setzt, bleibt euch überlassen. Manche hängen sich einen Zettel an den Spiegel im Flur: „Stopp. Atmen. Jetzt!“. Andere nutzen den Moment des Händewaschens. Spüren das Wasser, regulieren die Temperatur, werfen einen bewussten Blick in den Spiegel, fragen sich, ob sie alles haben, um den Tag bis zum Ende gut bewältigen zu können.
Ich gehe kurz vor Mittag raus. Kurz bevor ich gedanklich in die nächste Hälfte des Tages starte, stelle ich mich auf die Terrasse oder gehe in den Garten und nehme mir 40 Sekunden. 40 Sekunden, um wieder anzukommen. Im Moment – und bei mir selbst.
Das Risiko reduzieren: Die eigenen Ansprüche hinterfragen
Wer in den Funktionsmodus rutscht, muss viele Dinge auf einmal bewältigen. Deshalb kann es sinnvoll sein, wenn du dich fragst, wie dein Alltag aktuell geregelt ist und ob es Möglichkeiten der Entlastung gibt.
Ein wichtiger Hebel sind unsere eigenen Ansprüche. Denn gerade, wer alles immer besonders gut machen möchte, macht sich das Leben selbst besonders schwer. Erinnerst du dich zum Beispiel an den Elternteil zu Beginn dieses Textes? Die Frage: „Was macht das für einen Eindruck?!“ fühlt wohl jede und jeder von uns. Denn die meisten haben gelernt, dass es enorm wichtig ist, was Andere von uns und unseren Handlungen denken. Und in einem gewissen Rahmen gehört das natürlich zu unserem Leben dazu. Nur: Macht es wirklich einen Unterschied, ob ich einen Kuchen aus dem Supermarkt kaufe, oder einen vom Bäcker? Muss ich den Kuchen wirklich mit geschnittenem Obst umrahmen, weil das zeigt, wie viel Mühe ich mir gemacht habe?
Was andere über uns denken, wenn wir keinen selbstgebackenen Kuchen mitbringen, sagt mehr über ihren Maßstab aus als über unseren Wert als Elternteil. Wer keinen Kuchen backen möchte, lässt das. Manche werden das anders sehen. Das ist ihr gutes Recht. Aber es ist nicht dein Problem.
Es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass wir nicht dauerhaft auf Kosten unserer eigenen Kraft funktionieren. Und vielleicht hast du dann doch noch Zeit für deinen Kaffee am Morgen. Nicht weil dir die Anderen egal sind – sondern weil du dir selbst nicht egal bist.
